Manchmal sind es nicht die großen Dinge, die zeigen, wie sehr die Zeit vergangen ist – sondern die kleinen. Zwei Schritte, die einst selbstverständlich waren, können plötzlich zu einer Herausforderung werden. Diese Geschichte erzählt, wie sich das Alter leise einschleicht, wie Stolz und Gewohnheit mit der Schwäche ringen – und wie selbst zwei unscheinbare Stufen zu einem Symbol für Mut, Vertrauen und das Band zwischen Mensch und Tier werden.
Zwei Schritte Dunkelheit
In letzter Zeit ist da etwas, das mich zögern lässt.
Ein Schatten, der sich zwischen mich und die Welt legt – nicht plötzlich, nein, eher wie Nebel, der sich Nacht für Nacht dichter webt. Früher war da nichts als Leichtigkeit. Ich flog, ich rannte, ich sprang. Der Boden gehörte mir, das Leben war ein Spiel, und mein Körper – mein treuer Gefährte – tat einfach, was ich wollte.
Doch nun… nun ist alles anders. Es geschieht nicht auf einmal. Zuerst nur ein winziger Moment der Unsicherheit. Dann ein Ziehen in der Hüfte, ein Nachgeben der Beine. Ich versuche, es zu ignorieren. Versuche, mir einzureden, dass es nur Müdigkeit ist, ein schlechter Tag, ein kleiner Zufall.
Aber der Zufall wiederholt sich. Immer an derselben Stelle.
Manchmal stehe ich davor, lange, viel zu lange. Schaue hinab, in diese kleine Dunkelheit. Sie ist nicht groß, und doch… sie zieht.
Mein Mensch ruft mich – freundlich, aber mit diesem Ton, der zwischen Geduld und Sorge hängt. Ich will zu ihm. Ich will einfach losgehen, so wie früher. Doch irgendetwas in mir hält mich zurück.
Ich spüre, wie meine Muskeln sich anspannen, wie mein Herz schneller schlägt. Ich taste mit der Pfote vor, und sofort dieses Zittern, wieder zurück und noch einmal. Ein kurzer Schmerz, ein unsicheres Schwanken. Ich versuche, Haltung zu bewahren – doch der Boden scheint sich zu verschieben, tiefer als er ist.
Früher war das nichts. Früher war es ein Atemzug, ein Satz, ein Spiel.
Jetzt ist es ein Kampf. Ein kleiner Abgrund, den ich nicht mehr so leicht bezwinge.
Zwei Schritte.
Nur zwei.
Und trotzdem halte ich den Atem an, bevor ich sie wage.
Dann, vorsichtig, setze ich mich in Bewegung – und mein Mensch atmet auf, als hätte ich ein großes Abenteuer überstanden.
Er weiß, dass ich alt bin. Ich weiß es auch.
Aber in seinen Augen liegt kein Mitleid, nur Liebe und ein wenig Sorge. Und so nehme ich sie jeden Tag aufs Neue:
diese zwei Schritte Dunkelheit.
Diese zwei Stufen.


